Machtlos ohne Kopfhörer

Seit einer Stunde knallten meine Finger im Sekundentakt auf die Armlehne des Sitzes. Eine Stunde und es wird wahrscheinlich die bevorstehenden elf Stunden so weitergehen, wenn nicht ein Wunder geschehen würden.

Meine Eltern kamen vor einem halben Jahr auf die grandiose Idee nach Bali zu fliegen, eine kleine Halbinsel bei Indonesien. Und seit einem halben Jahr hatten sie alles in Detail geplant. Unsere Freizeitaktivitäten, das Hotel, die Restaurants, die wir besuchen würden. Bei nichts hatten sie Kosten gescheut. Nur das aller Feinste. Nur hatten sie eine kleine Kleinigkeit vergessen. Und das war der verdammte Flug!

Statt in der First- oder Business-Class zu sitzen, hockten wir wie die Sardinen in der Economy. Sitz an Sitz ohne Beinfreiheit oder privaten Raum. Doch das war nicht das Schlimmste, nein, wieso auch. Ich saß am Fenster und neben mir mein Bruder. Das Schlimmste war dieser Lärm. Dieser Nerven tötende, grausige Lärm. Gelächter, Gespräche, Geraschel, das Weinen eines Babys, das Kreischen zweier Kinder, die im Gang tobten, das Knarren einer Lehne! Jedes Geräusch fraß sich in meinen Kopf und veranstaltete in meinen Gehirngängen eine Party. Nicht einmal die zum Anschlag aufgedrehte Musik, die ich über mein Smartphone hörte, half. Es war doch zum Heulen.

Frustriert seufzend zog ich meine Kopfhörer aus den Ohren und warf den Kopf in den Nacken gegen das harte Kissen des Sitzes. Toller Start für den Urlaub. Die Bewegung lenkte die Aufmerksamkeit meines Bruders auf mich, der blinzelnd seine Augen öffnete und seine Kopfhörer vom Kopf nahm.

»Was ist los, Bro?«

Verdattert sah ich ihn an. Wollte er mich reinlegen?! Wie konnte er nur so ruhig bei diesem ganzen Lärm bleiben?! Er war doch immer einer der Ersten, der aus seiner Haut herausfuhr, wenn es zu laut war. Hatte er Drogen genommen oder was war mit ihm los?

»Hallo, Erde an Bruder?« Seine Hand winkte vor meinem Gesicht herum. Ich hab wohl gestarrt. Kopfschüttelnd lehnte ich mich wieder zurück.

»Ich halte den Lärm nicht mehr aus. Ist ja wie im Irrenhaus hier«, murmelte ich deprimiert und fuhr mit der linken Hand über mein Gesicht, »Egal, wie laut ich die Musik stelle, ich höre trotzdem noch alles.«

Mein Bruder lachte, griff zu seinem Laptop, der vor ihm stand und kapselte sein noise cancelling Headset, die dort steckten ab. Es war das gleiche Paar wie er hatte.

»Probier die. Die werden dir helfen«, schmunzelte er und drückte mir die Hörer auf den Kopf. Er schnappte sich mein Handy, entfernte meine normalen In-Ear-Plugs und steckte das Kabel in die Buchse. Mit ein paar Bewegungen hatte er meine Musik wieder angestellt.

Und mir den Himmel geöffnet! Die Kinder verstummten, das Geschnatter der Omas verschwand. Nichts, nichts außer meine Musik drang an mein Gehör. Ein Blick auf das Schild am Kabel verriet mir meinen Lebensretter: Noise Cancelling Kopfhörer!